{"id":4515,"date":"2014-05-07T23:57:02","date_gmt":"2014-05-07T21:57:02","guid":{"rendered":"http:\/\/igs-bonn.de\/wordpress\/?p=4515"},"modified":"2014-06-02T23:58:24","modified_gmt":"2014-06-02T21:58:24","slug":"grusswort-der-ministerin-fuer-schule-und-weiterbildung-des-landes-nordrhein-westfalen-sylvia-loehrmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/igs-bonn.de\/wordpress\/?p=4515","title":{"rendered":"Gru\u00dfwort der Ministerin f\u00fcr Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Sylvia L\u00f6hrmann"},"content":{"rendered":"<h4 align=\"center\"><b>Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eM\u00fctter des Grundgesetzes\u201c<\/b><\/h4>\n<p align=\"center\">7. Mai 2014, 17-18 Uhr<\/p>\n<p align=\"center\">Elisabeth-Selbert-Gesamtschule Bonn<\/p>\n<p align=\"center\"><i>\u00a0\u2013 Es gilt das gesprochene Wort. \u2013<\/i><\/p>\n<p>\u00a0<a href=\"https:\/\/igs-bonn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/Foto-Ministerin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-4519\" alt=\"Foto Ministerin\" src=\"https:\/\/igs-bonn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/Foto-Ministerin-200x300.jpg\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/igs-bonn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/Foto-Ministerin-200x300.jpg 200w, https:\/\/igs-bonn.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/Foto-Ministerin.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Frings,<\/p>\n<p>meine sehr geehrten Damen und Herren,<\/p>\n<p>liebe Kolleginnen und Kollegen,<\/p>\n<p>liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>4 M\u00fctter und 61 V\u00e4ter sind die \u201eEltern\u201c des Grundgesetzes. Das l\u00e4sst stutzen. Denn eigentlich bilden, rein biologisch gesehen, je eine Frau und ein Mann ein Elternpaar.<\/p>\n<p>Mit diesem Bild, das zum Nachdenken anregen sollte, m\u00f6chte ich Sie, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule, die Schulleiterin, das Kollegium sowie alle weiteren G\u00e4ste, die am heutigen Abend an der Ausstellungser\u00f6ffnung \u201eM\u00fctter des Grundgesetzes\u201c teilnehmen, herzlich begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Ihre Schule, die den Namen einer dieser wenigen M\u00fctter des Grundgesetzes tr\u00e4gt, hat die Ausstellung ins Haus geholt, um ein St\u00fcck ihrer Identit\u00e4t lebendig werden zu lassen \u2013 um sie nachzuempfinden, eine gro\u00dfartige historische Leistung zu verstehen und ihre Bedeutung f\u00fcr heute zu begreifen.<\/p>\n<p>Begeben wir uns daher ein paar Minuten auf eine Zeitreise in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Der Krieg hat unvorstellbares Leid \u00fcber Europa gebracht, Deutschland selbst wurde als Kriegsverursacher nicht verschont. Zahllose M\u00e4nner waren im Krieg umgekommen oder wurden noch vermisst, so dass es 1945 in Deutschland sieben Millionen mehr Frauen als M\u00e4nner gab.<\/p>\n<p>Deshalb mussten <span style=\"text-decoration: underline;\">sie<\/span> das Land wieder aufbauen \u2013 als so genannte \u201eTr\u00fcmmerfrauen\u201c versuchten sie, nicht nur ihre Familien zu ern\u00e4hren, sondern gleichzeitig auch die St\u00e4dte von Ruinen zu befreien und ein St\u00fcck Normalit\u00e4t wieder auferstehen zu lassen.<\/p>\n<p>Der Wille zum Neubeginn und Wiederaufbau unseres Landes w\u00e4re ohne dieses entschlossene Zupacken der Frauen, die im Krieg ebenfalls Schreckliches erlebt haben, niemals Wirklichkeit geworden.<\/p>\n<p>Aber auch eine andere Grundlage wird in dieser Zeit neu gelegt \u2013 der Staat soll wieder aufgebaut werden. Und deshalb brauchte es eine neue Verfassung, denn die Fehler der Weimarer Republik sollen sich nicht wiederholen.<\/p>\n<p>Deshalb wurde auf Betreiben der alliierten Westm\u00e4chte durch die Landtage der elf westdeutschen L\u00e4nder ein Parlamentarischer Rat eingesetzt. Unter der Vorgabe \u00a0demokratischer Inhalte und Verfahren sollten sich Vertreterinnen und Vertreter des Landes selbst eine neue Verfassung geben.<\/p>\n<p>Allerdings \u2013 ich habe es eingangs erw\u00e4hnt \u2013 waren unter den Mitgliedern des Parlamentarischen Rates nur vier Frauen. Vier Frauen, die mehr als 50 Prozent der Bev\u00f6lkerung repr\u00e4sentierten. Eine Bev\u00f6lkerungsmehrheit, die einen wesentlichen Anteil am Wiederaufbau hatte.<\/p>\n<p>Und damit sind wir mitten im Thema des heutigen Nachmittags.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler,<\/p>\n<p>meine sehr geehrten Damen und Herren,<\/p>\n<p>so wird deutlich, wie lang eigentlich der Weg zur heutigen Sichtweise der Gleichberechtigung der Geschlechter war und leider manchmal immer noch ist.<\/p>\n<p>Unter diesen vier Frauen im Parlamentarischen befand sich die Namensgeberin Eurer Schule, Elisabeth Selbert. Sie wollen wir uns etwas genauer anschauen.<\/p>\n<p>Anders als Ihr macht sie das Abitur erst, als sie knapp 30j\u00e4hrig schon zwei Kinder bekommen hatte. Dies ist nat\u00fcrlich eine Besonderheit der damaligen m\u00e4nnerdominierten Zeit zwischen den Weltkriegen und eine umso gr\u00f6\u00dfere Leistung angesichts der Widerst\u00e4nde, die sie daf\u00fcr zu \u00fcberwinden hatte. Bereits vier Jahre sp\u00e4ter erlangte sie den Doktortitel und ist lange Jahre als Anw\u00e4ltin t\u00e4tig \u2013 auch dies eine gro\u00dfartige Leistung.<\/p>\n<p>Sowohl in ihrer akademischen Arbeit wie auch in ihrer politischen, die 1918 mit ihrem Eintritt in die SPD begann, besch\u00e4ftigte sie sich ausf\u00fchrlich mit der Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern. Wie schwer muss dieser Einsatz gerade auch in Zeiten des Nationalsozialismus gewesen sein, als Frauen praktisch ein Berufsverbot erhielten und Elisabeth Selbert es trotzdem schaffte, als Anw\u00e4ltin zugelassen zu werden. Was auch bitter n\u00f6tig gewesen ist, da ihr Mann aufgrund seines politischen Wirkens bis 1945 keiner Arbeit nachgehen durfte.<\/p>\n<p>Liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler,<\/p>\n<p>meine sehr geehrten Damen und Herren,<\/p>\n<p>\u201eFrauen und M\u00e4nner sind gleichberechtigt\u201c\u00a0 &#8211; so lautet Artikel 3 des Grundgesetzes, den wir im Wesentlichen dem Einsatz von Elisabeth Selbert verdanken und der den H\u00f6hepunkt ihres lebenslangen Engagements f\u00fcr die Gleichberechtigung der Geschlechter darstellt.<\/p>\n<p>Ohne Elisabeth Selbert, ohne die vier Frauen im Parlamentarischen Rat, w\u00e4re es nicht zu dieser Formulierung gekommen. Der Parlamentarische Rat war eine M\u00e4nnergesellschaft, die zun\u00e4chst diesen Satz in Artikel 3 ablehnte \u2013 obwohl auch die Weimarer Verfassung die gleichen staatsb\u00fcrgerlichen Rechte und Pflichten f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner\u201c vorsah.<\/p>\n<p>Elisabeth Selbert hat, vor allem\u00a0 zusammen mit Frieda Nadig, die Frauen in ganz Deutschland zu Briefen, Resolutionen und Stellungnahmen motiviert, mit denen der Parlamentarische Rat dann waschk\u00f6rbeweise \u00fcbersch\u00fcttet wurde.<\/p>\n<p>Und es hat funktioniert! Die M\u00e4nnermehrheit konnte sich schlie\u00dflich dem dr\u00e4ngenden Votum der zahlreichen Frauen nicht mehr entziehen und der Grundsatz der Gleichberechtigung wurde in das Grundgesetz aufgenommen \u2013 auch wenn es danach noch viele Jahrzehnte dauerte, ihn mit Leben zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck sehen wir heute diesen Auftrag des Grundgesetzes klar vor uns \u2013 und halten ihn zum Gl\u00fcck in gro\u00dfen Teilen unserer Gesellschaft f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich und nicht f\u00fcr die blo\u00dfe Erf\u00fcllung einer wie auch immer gearteten Pflicht.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen und wollen die Welt gemeinsam gestalten. M\u00e4nner und Frauen haben die gleichen Rechte und die gleiche Verantwortung. Deshalb bitte ich Euch, liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, dass Ihr Euch daf\u00fcr einsetzt. Erinnert Euch an den steinigen Weg, den die Namensgeberin Eurer Schule zur\u00fccklegen musste, bis sie am Ziel war. Wie schwierig dieser Weg in der damaligen Zeit gewesen ist, mit zwei Kindern, in Zeiten einer grausamen Diktatur und eines kriegszerst\u00f6rten Landes.<\/p>\n<p>Wir, unsere Gesellschaft, unser Land brauchen Euren Einsatz. Mischt Euch ein in die Gestaltung unserer Zukunft \u2013 wir sind noch lange nicht am Ziel.<\/p>\n<p>Ich will Euch nur einige wenige Beispiele nennen, die zeigen, dass der steinige Weg zwar geebnet ist, das Ziel aber noch nicht erreicht wurde.<\/p>\n<p>Im Landtag in D\u00fcsseldorf waren 1946 von 211 Mitgliedern 24 weiblich &#8211; und danach sinkt der Frauenanteil von diesen 11 Prozent weiter. 1970 -75 lag er sogar nur bei 3,5 Prozent, nur 7 Frauen waren damals Mitglieder. Aktuell liegt der Frauenanteil bei knapp 30 Prozent \u2013 was ich immer noch zu wenig finde.<\/p>\n<p>Im Bundestag gibt es eine \u00e4hnliche Entwicklung: Hier ist bis 1983 ebenfalls nur ein einstelliger Prozentbereich von Frauen festzustellen, aktuell erreicht man ebenfalls nur knapp 30 Prozent.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch Fortschritte: Seit vier Jahren wird die Landesregierung von zwei Frauen gef\u00fchrt, au\u00dferdem haben wir in NRW eine Landtagspr\u00e4sidentin, eine Pr\u00e4sidentin des Landesrechnungshofes und eine Pr\u00e4sidentin des Landesverfassungsgerichtes.<\/p>\n<p>Von anderen Bereichen, zum Beispiel der Frauenquote in Vorst\u00e4nden und Aufsichtsr\u00e4ten von Wirtschaftsunternehmen, will ich an dieser Stelle besser gar nicht anfangen.<\/p>\n<p>Im b\u00fcrgerlichen Gesetzbuch und Gesetzen hat es noch lange Ungleichheiten gegeben, z.B. das sogenannte Zustimmungserfordernis des Ehemanns zur Berufst\u00e4tigkeit der Frau.<\/p>\n<p>Und immer noch k\u00f6nnen Frauen f\u00fcr gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn wie M\u00e4nner erwarten.<\/p>\n<p>Der 1992 durch den Zusatz: \u201eDer Staat f\u00f6rdert die tats\u00e4chliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern und wirkt auf die Beseitigung\u00a0 bestehender Nachteile hin\u201c erg\u00e4nzte Artikel 3 des Grundgesetzes hat zwar in vielen Bereich im Sinne Elisabeth Selberts gewirkt \u2013 aber die erw\u00e4hnten Beispiele zeigen, dass unsere Gesellschaft noch nicht am Ziel ist.<\/p>\n<p>Deshalb hoffe ich, dass Ihr Euch f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Gleichberechtigung einsetzt. Dass Ihr sie lebt und nicht als Selbstverst\u00e4ndlichkeit hinnehmt \u2013 denn sie ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, das zeigt die Geschichte, das zeigt das Leben Elisabeth Selberts.<\/p>\n<p>Meine sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>liebe Sch\u00fclerinne und Sch\u00fcler,<\/p>\n<p>der Titel \u201eM\u00fctter des Grundgesetzes\u201c ist sicherlich liebevoll gemeint \u2013 und auch eine Auszeichnung, denn es gibt wenig Leistungen, die mit denen einer Mutter vergleichbar w\u00e4ren. Man sollte diesen Titel aber erg\u00e4nzen. Denn es war nicht nur die Leistung von \u201eM\u00fcttern\u201c und ihrer F\u00fcrsorglichkeit und Liebe, die der Gleichberechtigung in Deutschland den Weg geebnet hat, sondern auch die Leistung von politisch klugen und engagierten Managerinnen und Taktikerinnen, die dazu beigetragen hat.<\/p>\n<p>Ich freue mich, genau diese gro\u00dfe Leistung von Elisabeth Selbert im Besonderen heute mit euch und Ihnen hier feiern zu d\u00fcrfen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eM\u00fctter des Grundgesetzes\u201c 7. Mai 2014, 17-18 Uhr Elisabeth-Selbert-Gesamtschule Bonn \u00a0\u2013 Es gilt das gesprochene Wort. \u2013 \u00a0 Sehr geehrte Frau Frings, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, &nbsp; 4 M\u00fctter und 61 V\u00e4ter sind die \u201eEltern\u201c des Grundgesetzes. Das l\u00e4sst stutzen. 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