{"id":1660,"date":"2012-04-18T19:39:16","date_gmt":"2012-04-18T17:39:16","guid":{"rendered":"http:\/\/igs-bonn.de\/wordpress\/?p=1660"},"modified":"2012-04-18T19:43:29","modified_gmt":"2012-04-18T17:43:29","slug":"vortrag-von-antje-dertinger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/igs-bonn.de\/wordpress\/?p=1660","title":{"rendered":"Vortrag von Antje Dertinger"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am 22. M\u00e4rz 2012 hielt Antje Dertinger in der neu so benannten Elisabeth-Selbert-Gesamtschule folgenden Vortrag \u00fcber Dr. jur. Elisabeth Selbert:<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir heute junge Leute mit der Feststellung konfrontieren: \u201eM\u00e4nner und Frauen sind gleichberechtigt\u201c, dann entgegnen sie vermutlich: \u201eJa klar!\u201c oder, achselzuckend, \u201ena und?\u201c<\/p>\n<p>Die Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern, wenn sie auch bis heute nicht vollst\u00e4ndig verwirklicht worden ist, gilt seit Langem als eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Aber das ist sie nicht! Sie ist, wenn wir nicht aufpassen, sogar in Gefahr.\u00a0 Man bzw. frau muss sie h\u00fcten, damit nichts von dem verlorengeht, was Elisabeth Selbert \u2013 und zwar sie ganz allein! \u2013 erk\u00e4mpft hat.<\/p>\n<p>Vermutlich bin ich deshalb gebeten worden, hier \u00fcber Elisabeth Selbert zu sprechen, weil ich als Journalistin und als Buchautorin sehr viel \u00fcber sie geschrieben und ver\u00f6ffentlicht habe \u2013 und weil ich ihr noch begegnet bin.\u00a0 Erstmals geschah dies im August vor 34 Jahren, also Sommer 1978. Elisabeth Selbert war damals 82 Jahre alt und arbeitete immer noch als Anw\u00e4ltin und Notarin in ihrer Kanzlei in Kassel.<\/p>\n<p>Ihr politisches Wirken ist an dieser Schule, die k\u00fcrzlich nach Elisabeth Selbert benannt worden ist, sicher weitgehend bekannt. Deshalb m\u00f6chte ich den au\u00dfergew\u00f6hnlichen Lebensweg dieser noch im deutschen Kaiserreich geborenen Frau in den Mittelpunkt stellen und auch ihr Wesen, soweit es mir bekannt geworden ist.<\/p>\n<p>In jenem kaiserlichen \u201aReich\u2019 hatten zum Zeitpunkt der Geburt von Elisabeth Selbert Frauen kein Wahlrecht; sie durften bei Strafe Parteien und Gewerkschaften nicht angeh\u00f6ren; sie durften nicht einmal an deren Versammlungen teilnehmen. Ein Gymnasium zu besuchen und die Abiturpr\u00fcfung abzulegen, war ihnen ebenfalls verwehrt; sie hatten keine Chance zu studieren, und sogar Kunstakademien waren ihnen verschlossen.<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen wurde es Elisabeth Selbert, damals noch Elisabeth Rohde, sicher nicht an der Wiege gesungen, dass sie in der Geschichte eines viel sp\u00e4teren Deutschlands, eines Jahrzehnte lang geteilten Landes, einmal eine sehr bedeutende politische, ja, eine durchaus als historisch zu bezeichnende Rolle spielen w\u00fcrde&#8230;<\/p>\n<p>Der Anfang, also:\u00a0 Elisabeth wurde am 22. September 1896 als zweite unter insgesamt vier T\u00f6chtern des sp\u00e4teren Justizoberwachtmeisters Georg Rohde und seiner ebenfalls Elisabeth gehei\u00dfenen Frau geboren. Die Eltern \u201estammten beiderseits aus b\u00e4uerlichen Familien, von gr\u00f6\u00dferen Bauernh\u00f6fen\u201c und wurden von Tochter Elisabeth als \u201eganz b\u00fcrgerlich\u201c beschrieben. Aber die Rohde-Eltern waren, gemessen an der damaligen Zeit, aufgeschlossene Leute; es war ihnen jedenfalls selbstverst\u00e4ndlich, dass ihre vier T\u00f6chter solide Schulabschl\u00fcsse machten und Berufe erlernten.<\/p>\n<p>Elisabeth besuchte zun\u00e4chst die Volks-, dann die Mittelschule, schlie\u00dflich noch eine H\u00f6here Handelsschule. Im Fremdsprachlichen, im Kaufm\u00e4nnischen und im B\u00fcrotechnischen qualifizierte sie sich in kurzer Zeit soweit, dass sie eine Anstellung als Auslandskorrespondentin fand, einige Jahre sp\u00e4ter jedoch als Postbeamtenanw\u00e4rterin den Berufsweg erstmals wechselte. Elisabeth war nicht aus irgendeinem theoretisch-politischen Ansatz berufst\u00e4tig geworden, sondern weil es ihr ein Anliegen war, auf eigenen F\u00fc\u00dfen zu stehen und dadurch auch die Eltern zu entlasten.<\/p>\n<p>Wie viele Frauen damals und manche noch heute, wurde Elisabeth Rohde durch einen Mann politisiert, durch Adam Selbert, mit dem sie durch Zufallsbegegnungen bei Theaterbesuchen bekannt geworden war. Er war \u2013 der Erste Weltkrieg war inzwischen beendet \u2013 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Kassel. \u201eIch selbst\u201c, so berichtete mir genau 60 Jahre danach Elisabeth Selbert, \u201eich selbst war damals immer eine Suchende, wobei ich eigentlich weniger an Parteipolitik gedacht hatte als vielmehr an die Geisteswissenschaften, zu denen ich mich ganz besonders hingezogen f\u00fchlte. Ich hatte sehr fr\u00fch Kant, Rousseau und andere Philosophen gelesen.\u201c<\/p>\n<p>Die Suchende fand durch Anregungen ihres inzwischen Verlobten relativ schnell zum Ziel: Noch im Revolutionsjahr 1918 wurde sie Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, \u201edenn\u201c, so erkl\u00e4rte sie, \u201ewenn ich von etwas \u00fcberzeugt sein kann, vertrete ich diese \u00dcberzeugung auch mit Nachdruck\u201c. Dazu geh\u00f6rte anfangs vor allem, dass sie sich \u00f6ffentlich f\u00fcr den Gebrauch des durch die Revolution errungenen Frauenwahlrechts stark machte. Sie selbst nutzte es sofort aktiv und passiv; sie w\u00e4hlte und wurde gew\u00e4hlt. Die politische Laufbahn der Elisabeth Rohde begann als Gemeinder\u00e4tin in Niederzwehren bei Kassel.<\/p>\n<p>1920 heirateten Elisabeth und Adam Selbert. 1921 und 1922 wurden ihre beiden S\u00f6hne geboren, Gerhard und Herbert.<\/p>\n<p>Elisabeth Selbert, nun also Mutter zweier kleiner Kinder und ehrenamtliche Kommunalpolitikerin, fand, dass sie noch viel lernen m\u00fcsse und bereitete sich auf die Abiturpr\u00fcfung vor. 1926, mit 30 Jahren, legte sie als externe Sch\u00fclerin die Reifepr\u00fcfung ab und begann unmittelbar danach in Marburg, sp\u00e4ter G\u00f6ttingen mit dem Studium der Rechtswissenschaften. Ihr Mann unterst\u00fctzte sie sehr. Es geh\u00f6rte zu ihrer beider Selbstverst\u00e4ndnis, dass man das eigene Wissen immerw\u00e4hrend bereichern m\u00fcsse, um das eigene und das gesellschaftspolitische Leben besser gestalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Immer noch war damals das Frauenstudium etwas verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig Un\u00fcbliches. Bei ihrer Immatrikulation in Marburg gab es unter 350 angehenden Jurastudenten nur vier Frauen. Elisabeth als Einzige \u201ahielt durch\u2019.\u00a0 Sie absolvierte das Studium in k\u00fcrzest m\u00f6glicher Zeit und wurde bereits 1930 zum Dr. jur. promoviert. Sie w\u00e4hlte ein sehr interessantes Dissertationsthemas: \u201eZerr\u00fcttung der Ehe als Scheidungsgrund\u201c. \u2013 Nur die \u00c4lteren unter uns wissen, dass das Ehe- und Familien-, somit auch das Scheidungsrecht erst 1977 (!) im Sinne Selberts grundlegend ver\u00e4ndert wurde:\u00a0 Das Schuldprinzip wich 47 Jahre nach Selberts Dissertation endlich dem Zerr\u00fcttungsprinzip!<\/p>\n<p>Ein Jahr danach, 1978, befragt, ob zu den Beratungen \u00fcber das neue Scheidungsrecht der Bundesrepublik Deutschland ihre wegweisende Doktorarbeit oder sie selbst herangezogen worden sei, verneinte sie, und es war deutlich zu sp\u00fcren, wie tief gekr\u00e4nkt sie deswegen war.<\/p>\n<p>Elisabeth Selbert war in den fr\u00fchen 1970er Jahren vergessen. Das ist umso erstaunlicher, als jene Jahre geradezu gepr\u00e4gt worden waren von der Zweiten, der Autonomen Frauenbewegung, die sich aus der sogenannten 68er Bewegung entwickelt hatte. &#8211; Dazu eine, diesen Sachverhalt illustrierende pers\u00f6nliche Erfahrung: Als Elisabeth Selbert am 9. Juni 1986 in ihrem 90. Lebensjahr starb, gab es keinerlei Altersfotos von ihr. Niemand au\u00dfer mir hatte die Vergessene in ihrem Alter noch aufgesucht und fotografiert. Und so kam ich zu der \u201aEhre\u2019, dass nach ihrem Tod der \u201aSpiegel\u2019 um die Abdruckgenehmigung f\u00fcr das Altersportr\u00e4t bat, das Sie hier eingangs gesehen haben. Es war das einzige Bildnis der gealterten Juristin und Politikerin, das es gab.<\/p>\n<p>Zur erw\u00e4hnten Autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre hatte Elisabeth Selbert \u00fcbrigens eine Un-Beziehung, wie ich das einmal nennen m\u00f6chte. Jedenfalls brachte sie keinerlei Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Frauen auf, die in lila Latzhosen patriarchale M\u00e4nner mit vollreifen Tomaten bewerfen, auf Demos gehen und \u201eMein Bauch geh\u00f6rt mir!\u201c skandieren oder sich trotzig auf Illustrierten-Titelseiten zur zwar verbotenen, aber dennoch vollzogenen Abtreibung bekannten. Solche Aktionen waren aus Selberts Sicht kein Ausdruck politischen Handelns. \u201eIn die Parlamente m\u00fcssen die Frauen!\u201c, rief sie ihnen immer wieder zu. \u201eDort m\u00fcssen sie durchsetzen, was ihnen zusteht! Sie haben doch, ganz anders als fr\u00fcher, alle Rechte. Es ist mir ganz und gar unbegreiflich, warum sie sie nicht nutzen \u2013 Doppelbelastung hin oder her.\u201c<\/p>\n<p>Wer Elisabeth Selberts Biografie kennt, mag ihr kaum widersprechen. Vielleicht war es aber gerade diese Biografie, die auf manche einsch\u00fcchternd wirkte, diese fr\u00fche Entscheidungs- und Willenskraft, diese Disziplin und Ausdauer, mit denen schon die junge Elisabeth Ziele anstrebte und z\u00fcgig erreichte.<\/p>\n<p>Gesellschaftspolitische Teilnahmslosigkeit war f\u00fcr sie v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich und deshalb ein Thema, bei dessen Diskussion sie h\u00f6chst unduldsam und kritisch werden konnte. Und bei manchen ihrer m\u00e4nnlichen Kollegen in der Politik war sie schon deshalb wenig beliebt, weil sie dem \u00fcberkommenen Frauenbild so ganz und gar nicht entsprach; weil sie vielmehr, ausger\u00fcstet mit einem immensen Wissensschatz, jeder Debatte in ihren verschiedenen, keineswegs immer \u201afrauenspezifischen\u2019 Arbeitsfeldern gewachsen war. Zudem fehlte ihr (zumindest in dem Lebensalter, in dem ich sie erlebt habe) alles Verbindliche, freundlich Gewinnende, das sehr viele Frauen, mit Absicht oder unbewusst, auszustrahlen pflegen. Es war nicht ganz leicht, an sie \u201aheranzukommen\u2019.<\/p>\n<p>Und nun wieder chronologisch: Vom 30. Januar 1933 an wurden Frauen zur\u00fcck ins Heim geschickt, wo sie ihre M\u00e4nner zu umhegen hatten und viele Kinder \u201ef\u00fcr den F\u00fchrer\u201c bekommen sollten. Der Beamtenstatus blieb unterm Hakenkreuz M\u00e4nnern vorbehalten, sofern sie keine Sozialdemokraten, Kommunisten oder gar Juden waren. Adam Selbert war SPD-Mann und verlor 1933 sofort seinen Posten als Kommunalbeamter; wiederholt wurde er in sogenannte Schutzhaft genommen.<\/p>\n<p>Seine Frau Elisabeth musste nun die Familie ern\u00e4hren, zw\u00f6lf Jahre lang. Da war es ein Segen, dass sie durch gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde 1934 als Frau noch zur Anwaltschaft zugelassen worden war und in Kassel eine Kanzlei er\u00f6ffnen konnte. Sie bem\u00fchte sich um die Vertretung unpolitischer \u201aF\u00e4lle\u2019, wie sie mir erz\u00e4hlte, und wurde dadurch notgedrungen mehr und mehr zur Familienrechtsexpertin.<\/p>\n<p>Mit den sozialdemokratischen Freunden, soweit sie nicht in Gef\u00e4ngnissen sa\u00dfen oder geflohen waren, hielten die Selberts immer Kontakt. \u201eNach 1945\u201c, so berichtete Elisabeth, \u201ewar ich dann eine der Ersten, die sofort wieder in die Politik einsteigen mussten, und zwar nicht nur aus einem inneren Bed\u00fcrfnis, sondern weil man mich dazu verpflichtete.\u201c Sie und ihr Mann waren Nazi-Gegner gewesen und wurden gebraucht, denn so sehr viele hat es davon hierzulande ja gar nicht gegeben. Au\u00dferdem hatten beide Selberts langj\u00e4hrige politische, auch kommunalpolitische Erfahrungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Arbeit am Grundgesetz f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland begann vor der Gr\u00fcndung dieser Republik aus den drei westlichen Besatzungszonen. Sie begann im Hochsommer 1948 mit der Entsendung von Delegierten in den Parlamentarischen Rat. Der trat am 1. September 1948 im zoologischen Museum Alexander Koenig an der sp\u00e4teren Adenauerallee in Bonn zusammen; denn Bonn war ziemlich kriegszerst\u00f6rt, aber das Museum mit seinem zentralen gro\u00dfen Saal war unbesch\u00e4digt. Die Szene der Ankunft schilderte mir Elisabeth Selbert genau drei Jahrzehnte danach mit einer Lebhaftigkeit, als w\u00e4re es gestern gewesen:<\/p>\n<p>\u201eAls wir ankamen, fuhren gerade die Offiziere vor und die Hohen Kommissare (also die Vertreter der westlichen Besatzungsm\u00e4chte) mit tollen Wagen, Rolls Royce oder so, auch die Herren Ministerpr\u00e4sidenten. Dann wurden wir, Programm in der Hand, hineingeleitet in den Saal. Das war, wie gesagt, das Museum Koenig, rundherum lauter ausgestopfte Tiere; die hatte man nur zur Seite geschoben. So entstand ein Karr\u00e9e. In der Mitte wir 65 Parlamentarier, zwischen den Hohen Kommissaren mit ihren ganzen St\u00e4ben auf der einen und den Ministerpr\u00e4sidenten auf der anderen Seite, au\u00dfenherum, wie gesagt, die ausgestopften Tiere.\u201c<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurde gedankenlos immer von den \u201eV\u00e4tern des Grundgesetzes\u201c gesprochen; aber es gab auch \u201aM\u00fctter\u2019, immerhin vier: zwei Sozialdemokratinnen, n\u00e4mlich Elisabeth Selbert und Frieda Nadig, sowie Helene Weber von der CDU und Helene Wessel von der Zentrumspartei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier, in meinen B\u00fcchern und Buchbeitr\u00e4gen &#8211; von denen ich aus heutigem Anlass der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule einige schenke &#8211; sind die Diskussionen in Kurzfassung zu lesen. Ich spare mir die Wiederholung und m\u00f6chte nur auf Eines hinweisen: Elisabeth Selberts schn\u00f6rkellose, klare, geradezu puristische Sprache. Diese Sprache, diese Ausdrucksweise l\u00e4sst keinen Raum f\u00fcr Zweideutigkeiten; sie l\u00e4sst keinen Raum f\u00fcr Interpretationen in diese oder jene Richtung. Bis Selbert mit Hilfe der \u00d6ffentlichkeit \u201eM\u00e4nner und Frauen sind gleichberechtigt\u201c ohne Wenn und Aber durchsetzen konnte, bedurfte es \u2013 schwer vorstellbar \u2013 eines hartn\u00e4ckigen Kampfes. Das galt auch f\u00fcr Formulierungen bei vielen weiteren Feldern, auf denen sie bei der Schaffung unseres Grundgesetzes mitgearbeitet hat.<\/p>\n<p>Die Widerst\u00e4nde, denen ihre eindeutigen juristischen Formulierungsvorschl\u00e4ge begegneten, haben sie in h\u00f6chstem Ma\u00df \u00fcberrascht: In ihren \u201ek\u00fchnsten Tr\u00e4umen (hatte sie) nicht erwartet, dass der Antrag abgelehnt\u201c werden w\u00fcrde. S\u00e4mtliche Bedenkentr\u00e4ger\/innen meldeten sich zu Wort, sogar ihre SPD-Kollegin Frieda Nadig, die \u201eein Rechtschaos\u201c bef\u00fcrchtete. Und etliche M\u00e4nner mimten die Charmanten, indem sie behaupteten, ein Grundgesetz-Artikel zur Gleichberechtigung sei doch gar nicht n\u00f6tig. Man achte die Frauen sowieso&#8230; Das zahlreiche Gel\u00e4chter, in das die Parlamentarier bei Beratung gerade dieses Grundgesetz-Artikels immer wieder ausbrachen, belegt, wie viel Unverstand zeitweilig in dem Hohen Hause herrschte.<\/p>\n<p>Selbert lie\u00df sich aber nicht beirren und bestand auf ihrer schlichten Formulierung, mobilisierte schlie\u00dflich die \u00d6ffentlichkeit und drohte dem Parlamentarischen Rat: \u201eSollte der Artikel in dieser Fassung heute wieder abgelehnt werden, so darf ich Ihnen sagen, dass in der gesamten \u00d6ffentlichkeit die ma\u00dfgeblichen Frauen dazu Stellung nehmen werden, und zwar derart, dass die Annahme der gesamten Verfassung gef\u00e4hrdet wird.\u201c<\/p>\n<p>Es ist heute wohl nicht mehr vorstellbar, was Elisabeth Selbert initiieren musste, um den Rat auf ihre Formulierung einzustimmen. Sie reiste \u201ewie ein Wanderprediger\u201c durch die Lande, was im Zonen-Deutschland von 1948 \u00e4u\u00dferst beschwerlich war, und mobilisierte die bereits existierenden neuen Frauenverb\u00e4nde. Es gelangten daraufhin \u201ewaschk\u00f6rbeweise\u201c Frauen-Protestschreiben an den Parlamentarischen Rat, der zum Thema Gleichberechtigung einen \u201aGummiparagraphen\u2019 zu bevorzugen schien.<\/p>\n<p>Am Ende erreichte Elisabeth Selbert die von ihr mit Recht bevorzugte schlichte, uns allen bekannte, eindeutig-klare Formulierung: \u201eM\u00e4nner und Frauen sind gleichberechtigt\u201c. Sie setzte zudem einen \u00dcbergangsparagrafen durch, der regelte, dass bis 1953 alle Gesetze aus dem B\u00fcrgerlichen Gesetzbuch dem Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes angepasst werden mussten. &#8211; Das geschah nicht. Die 1949 gew\u00e4hlten Abgeordneten des Ersten Deutschen Bundestages ignorierten den Termin. Jahrelang lebten die (West)Deutschen mit dem permanenten Verfassungsbruch.<\/p>\n<p>Erst Erna Scheffler, die erste und viele Jahre lang einzige Richterin am 1. Senat des Bundesverfassungsgerichts, sorgte entschieden f\u00fcr die Umsetzung des Gleichberechtigungsprinzips ins bundesdeutsche Alltagsleben, also ins B\u00fcrgerliche Gesetzbuch. Sie ermutigte Frauen und deren Verb\u00e4nde immer wieder erfolgreich zu Verfassungsklagen auf Durchsetzung des unver\u00e4u\u00dferlichen Gleichberechtigungs-Grundrechts. \u2013 Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Weil Elisabeth Selbert erst in ihrem 90. Jahr starb, erlebte sie die Folgen ihres Kampfes noch lange mit. Sie erlebte auch die Schwierigkeiten und die vor\u00fcbergehenden Misserfolge. Und doch zog sie am Ende eine beneidenswert positive Bilanz. Allen Unzul\u00e4nglichkeiten zum Trotz fand sie: \u201eDer Gleichberechtigungsgrundsatz ist nie wieder aus dem Grundgesetz rauszukriegen. Nie wieder. Ohne ihn w\u00e4ren all die Reformen, die uns heute Selbstverst\u00e4ndlichkeiten sind, nicht m\u00f6glich gewesen: 218, Ehe- und Familienrecht, Namensrecht, prinzipielle Lohngleichheit, gleiche Bildungsm\u00f6glichkeiten, jedenfalls gesetzlich. Nur gibt es eben noch gr\u00f6\u00dfere und kleinere Dinge, die man schaffen muss. Das ist dann die Sache der Frauen bei den Wahlen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 22. M\u00e4rz 2012 hielt Antje Dertinger in der neu so benannten Elisabeth-Selbert-Gesamtschule folgenden Vortrag \u00fcber Dr. jur. 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